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Historische Karte von 1827

Die Karte ist eine Tuschezeichnung des Geometers Iansinck auf Karton im Maßstab 1 : 10 000 mit handkolorierten Flächen und Grenzbändern. Zur Reliefdarstellung werden Bergstriche (Schraffen) verwendet. Es sind 9 Katasterbezirke (Fluren) durch farbige Grenzbänder unterschieden: Flur I Bielefeld, Flur II Johannnisberg, Flur III Stadtfeld, Flur IV Mölmann, Flur V Stadtheide, Flur VI Stadtheide, Flur VII Pottenau, Flur VIII Niedermühle und die Flur IX Schneider. Da die Karte relativ lagegenau ist, wird sie aus den großmaßstäbigen Kartierungen des Urkatasters von 1824/25 entstanden sein. Fast 100 Höfe sind mit Familiennamen der damaligen Besitzer beschriftet. Die Karte bietet so eine detaillierte topographische Darstellung der Stadt Bielefeld und ihrer Feldmark.

Das Kartenblatt enthält in roter Schrift auch die ermittelten Schätzungsklassen für Ackerland (AL), Garten- und Grabeland (GG), Hutung (HH), Heideflächen (HF) und Wiesen und Weiden (MW bzw. WW). Je nach Güte (Stufen I - IV) wurden die Flächen mehr oder weniger hoch besteuert. Die fachliche Bewertung der Stufen nahmen Abschätzungs-Commissarien vor, die von einer Katasterkommission der Regierung vorgeschlagen wurden.

Auf der Landkarte ist nur innerhalb der alten Stadtbefestigung eine dichte Besiedlung zu erkennen. Einige Gebäude innerhalb des hufeisenförmigen Stadtgebietes sind schwarz ausgezeichnet, sicher wegen ihrer besonderen Funktion. Darunter sind zu finden die Kirchen, Schulen und andere wichtige Einrichtungen. Reste der Stadtmauer und die dazugehörigen Wassergräben und Wälle sind ebenso zu erkennen wie der Verlauf der Lutter bzw. des Lotterbachs. Der Name könnte entstanden sein aus dem Begriff "verluderter Bach", ein Fließgewässer, das zeitweilig kein Wasser führt. Eine andere Erklärung des Namens "Lutter" geht von einem lauteren, also einem reinen Bach aus.

Außerhalb der Stadtmauern sind im Verlauf der Lutter vier Mühlen namentlich erwähnt. Die Ölmühle des Herrn Crüwell brannte 1824 ab, wurde aber, erweitert mit Mahlwerken für Getreide, wieder aufgebaut. Eine Ölmühle diente seinerzeit zum Schroten und Pressen von ölhaltigen Saaten wie Leinsamen oder Raps. Die Nutzung der Niedermühle, sicher zum Gut Niedermühle gehörend, ist unbekannt. Die in der Nähe liegende Lohmühle diente der Zerkleinerung von Baumrinde, vorzugsweise von Eichenrinde wegen des hohen Gerbstoffanteils. Rindenhäcksel wurde hier weiter zerkleinert, um eingeweicht in Harn und andere übel riechende Flüssigkeiten der Gerbung von Leder zu dienen. Dass diese Art Mühle soweit vor den Toren der Stadt lag, hatte also seine Gründe. Die östlichste der kartierten Mühlen war eine Walkemühle, in der bestimmte Gewebe, Papiere oder Leder für die Verarbeitung zugerichtet wurden. Das Walken verursachte eine Verdichtung des Ausgangsmaterials und erhöhte damit seine Festigkeit. Einige Straßennamen erinnern noch heute an diese Stätten: Oelmühlenstraße, Niedermühlenkamp, Niedermühlenhof, An der Walkemühle und Mühlenstraße. Auch der Gaststättenname "Hammer Mühle" hat seinen Ursprung in dieser Historie.

Die Mühlen innerhalb der Stadtmauern (Nebels-Mühle, Damm-Mühle und Stadt-Mühle) taten als Getreidemühlen ihre Dienste. Jedes in die Stadt gebrachte Korn wurde gewogen und mit einer 1820 eingeführten Mahlsteuer belegt. Auch alles Vieh, was zum Schlachten in die Stadt gebracht wurde, musste zu festen Tarifen verzollt werden. Deshalb war ein von Gräben und Mauern umschlossener Stadtkern notwendig, der nur durch die Stadttore zu erreichen war. Dort saßen in ihren Häuschen die Torschreiber und hielten schriftlich fest, wieviel Getreide eingeführt wurde und was jeder Passant zu zahlen hatte. Sie sicherten mit ihrer spürnasigen Tätigkeit dem preußischen Staat seine Einnahmen. Durchlass boten vier Stadttore, das fünfte in Richtung Burg war schon seit 1775 gesperrt. Zwei der Tore hatten übrigens 1814 schweren Schaden hinnehmen müssen, als die Quadriga des Brandenburger Tores von Paris - Napoleon hatte sie als Siegestrophäe mit nach Frankreich genommen - wieder nach Berlin zurücktransportiert wurde. Die zum Teil abgetragenen Tore wurden erst 1817 wieder aufgebaut.

Auffällig ist am rechten Kartenbildrand der Schriftzug "Fabrickengarten", der offenbar einen industriellen Standort zwischen der heutigen Bleich- und Heeper Straße kennzeichnete. Diese auch als "Fabrikenhof" benannte Anlage entstand auf dem Gelände des ehemaligen Meinderschen Gartens, nachdem 1782 das Grundstück von Bielefelder Leinenhändlern und Bleichinteressenten erworben wurde. Die neuen Besitzer bauten zunächst eine Seifensiederei und Damastmanufaktur. 1792 kam eine neue Bleiche dazu, die wegen ihrer Art zu bleichen auch "Holländische Bleiche" genannt wurde. Das von den Hollländern abgeschaute Verfahren unter Einsatz bestimmter Chemikalien und Buttermilch war schneller und besser als die herkömmlichen Verfahren. Wer absolut weißes Leinen haben wollte, musste die Stoffe nun nicht mehr in das holländische Haarlem schaffen. Wegen der großen Nachfrage mussten die zur Verfügung stehenden Rasenflächen für die Bleiche ständig erweitert werden. Die größte Ausdehnung lag schließlich bei 70 Morgen, das entsprach etwa 178 000 m² und reichte für das Auslegen von 16 000 Stück Leinwand. Die Qualität des Bielefelder Leinens war im Preußischen Königreich so bekannt geworden, dass im Juli 1821 seine Majestät Friedrich Wilhelm III. persönlich die "Holländische Bleiche" besuchte. Einige Straßennamen erinnern noch heute an die industrielle Vergangenheit dieser Gegend: Die Bleichstraße, die Holländische Straße und die Flachsstraße.

Innerhalb des Hufeisens befanden sich 32 Straßen und Gassen, die in der Zeitspanne von 1818 bis 1825 neu gepflastert und für Ortsfremde mit Straßenschildern versehen worden sind. Seit 1817 gab es sogar eine Straßenbeleuchtung, was dem Wegebaumeister Althoff zu verdanken war. Die Stadtgräben sind in den 1820er Jahren zum Teil zu Teichen erweitert worden, am "Niedernthor" entstand so der Gosepohl (Gänseteich), der im Winter für das in Mode gekommene Schlittschuhlaufen benutzt wurde. In der Nähe der "Nothpforte" wurde 1829 ein Teil des Wassergrabens zur ersten Bielefelder Badeanstalt mit drei kleinen Becken umgebaut.

Währungseinheiten waren die Reichsthaler, die den Wert von 30 Silbergroschen hatten oder die Dukaten, die den Wert von 3 Reichsthalern und 7 Silbergroschen hatte. Entsprechend der französischen Währung "Louis d'or" gab es auch den "Friedrichs d'or", dem der Wert von 5 Reichsthalern entsprach. Gemessen wurde in Bielefeld nur preußisch mit Berliner Ellen, Maaß und Gewichten. Der ravensbergische Scheffel und das Bielefeldische Maaß waren abgeschafft. Pro Jahr wurden auf den Marktplätzen vier Jahrmärkte abgehalten, dazu kamen die regulären Wochenmärkte, seit 1826 mittwochs auf der Neustadt (Papenmarkt/Breite Straße) und sonnabends auf der Altstadt (Alter Markt).

Damit die Bielefelder immer auf dem Laufenden waren, erschien schon seit 1810 ein Wochenblatt, nämlich der "Oeffentliche Anzeiger der Grafschaft Ravensberg" redigiert vom Buchdrucker Küster. Die beiden Buchhändler Helmich und Velhagen versorgten die Einwohner mit weiterem Lesestoff. Für die nicht so begüterten Literaturfreunde unterhielten sie Leihbibliotheken mit mehreren Tausend Büchern.

Verwaltungseinteilung:

Der Regierungsbezirk Minden teilte sich in 11 "Landräthliche Kreise": Minden, Rahden, Bünde, Herford, Halle, Bielefeld, Wiedenbrück, Paderborn, Höxter, Büren und Warburg. Der Kreis Bielefeld bestand aus den Gemeinden Bielefeld, Jöllenbeck, Schildesche, Dornberg, Heepen, Isselhorst und Brackwede. Bürgermeistereien waren davon Bielefeld, Jöllenbeck, Schildesche und Brackwede. Die Stadtverwaltung bestand neben dem Bürgermeister Delius nur aus 5 Beamten: Stadtobersekretär Junkermann, Polizeioffiziant H. Sevening, Kämmereirendant Weber, Wegeinspektor Greve und Kanzlist L. Sevening. Unterstützt wurden sie von den drei Polizeidienern Häke, Nopton und Hackster. Der Stadtrat setzte sich aus 18 Stadtverordneten zusammen, die jeweils einen gewählten Stellvertreter hatten.

Kataster:

Die gesetzliche Grundlage zur Einrichtung eines Steuerkatasters veröffentlichte das Königlich-hohe Finanzministerium im Amtsblatt No. 57 des Jahres 1820. Oberste Katasterbehörde war die Königlich-hochlöbliche General-Direktion (Königliche Kataster-Direktion), die die Katasterarbeiten in Gang setzte und Klassifikationen prüfte und alle Arbeiten überwachte. Besonders bewährte Obergeometer oder ihre Gehilfen waren zu Revisoren bestellt, wie der im Kreis Bielefeld arbeitende Obergeometergehilfe Vorländer. Die Ausführungsbestimmungen zum Steuerkataster (Instruktion vom Februar 1822) für den Regierungsbezirk Minden wurden erst im August veröffentlicht. Der Beginn der Bekanntmachung liest sich im Originaltext so:

"In Beziehung auf die Nro. 57 unseres Amts-Blatts vom Jahre 1820 enthaltene Bekanntmachung des Königl. hohen Finanz-Ministeriums vom 10. November 1820 und auf Veranlassung der Königl. hochlöblichen General-Direction des Katasters, bringen wir nachfolgend die unterm 11. Februar d. J. von dem Königl. hohen Finanz-Ministerio erlassene allgemeine Instruktion über das Verfahren bei Aufnahme des Katasters vom ertragsfähigen Grundeigenthum in den Rheinisch-Westphälischen Provinzen zur allgemeinen Kenntniß.
Die wohltätige Absicht, welche durch Aufnahme eines richtigen Grundsteuer-Katasters bezweckt wird, ist allgemein anerkannt, und dürfen wir deshalb erwarten, dass insbesondere die Grundbesitzer durch pünktliche Befolgung der Vorschriften obiger Instruction die mit Aufnahme des Katasters beauftragten Personen werkthätig unterstützen und deren Arbeiten zu erleichtern streben werden. Die Herren Land-Räthe und sämmtliche Local-Behörden machen wir noch besonders auf die 15 - 25 und 29 der Instruction aufmerksam, da sie für die, aus der Unterlassung etwa folgenden Kosten doppelter Arbeit persönlich verantwortlich sind.

Minden, den 8. August 1822 Königlich Preußische Regierung-Zweite Abtheilung"

Die Aufstellung eines Katasters diente hauptsächlich der Schaffung von Steuereinnahmen, es sicherte aber auch das Recht des Eigentümers an Grund und Boden und brachte eine exakte Vermessung des Stadtgebietes hervor. Die Katastervermessungen von 1825 ergaben für die Stadt Bielefeld und ihre Feldmark folgende Werte: 4621 Morgen 19 Quadrat-Ruthen und 9 Quadrat-Fuß. Davon waren 4403 Morgen 94 Ruthen und 28 Fuß besteuerbar und steuerpflichtig. So konnte sich der preußische Staat jährlich 17 577 Reichsthaler 26 Silbergroschen und 7 Pfennig einverleiben. Nicht mit Grundsteuer belegbar waren z. B. öffentliche Gewässer, Straßen und Chausseen. Dafür gab es andere Steuern wie die Chausseesteuer, die bei Benutzung bestimmter Straßen fällig wurde.

Weitere Daten zu Bielefeld:

Eine Beschreibung Bielefelds, verfasst 1835 vom Gymnasiallehrer Heinrich Wilhelm Schubart, enthält weitere interessante statistische Zahlen für das Entstehungsjahr der Classifikations-Übersichtskarte. Die Stadt Bielefeld hatte 1828 nur 5729 Einwohner, ihre Feldmark 2154; davon waren in der Stadt 894 Kinder unter 14 Jahren, in der Feldmark 468 Kinder. An Nachwuchs mangelte es den Bielefeldern also nicht. Die Gebäudeverteilung sah wie folgt aus: Im Hufeisen gab es 4 Kirchen und 1 Synagogen, 29 Gebäude für Staats- und Gemeindezwecke, 702 Privathäuser, 20 Fabriken, Mühlen und Privatmagazine und 323 Ställe, Scheunen und Schuppen. In der Feldmark waren es 245 Privathäuser, 15 Fabriken, Mühlen und Privatmagazine und 51 Ställe etc

Bielefeld besaß zu dieser Zeit schon mehrere Schulen wie das Gymnasium an der Altstädter Kirche (ehem. Zeughaus) und eine kleine private Töchterschule, die ein Lehrer ab Juli 1828 in seiner Wohnung unterhielt. Die einfachen Leute schickten ihre Kinder auf eine der drei Elementarschulen: Die Altstädter Schule, die zum Teil im Rathaus untergebracht war, die Neustädter Schule, die nahe der Marienkirche ihren Platz hatte und die Reformierte Schule, die direkt neben der Süsterkirche lag. Diese drei Schulen wurden erst 1834 zur Elementar- und Bürgerschule im Rose'schen Hof an der Kreuzstraße zusammengefasst. Wer das Schulgeld nicht aufbringen konnte, schickte seine Kinder zur so genannten Freischule, die aus einer militärischen Bildungseinrichtung für Soldatenkinder hervorgegangen ist. Deshalb war sie auch seit 1803 im Lazarett an der Kreuzstraße in der Nähe der Kaserne untergebracht. Sie wurde in den 1830er Jahren in das Gebäude der ehemaligen Neustädter Schule verlegt, die -wie schon erwähnt- in der Elementar- und Bürgerschule aufging. Seit 1826 gab es auch eine Vorbereitungsklasse für den Besuch des Gymnasiums. Nach 18 Monaten des fleißigen Lernens konnten die Sechs- bis Siebenjährigen in die Sexta des Gymnasiums eingeschult werden. Neben diesen Bildungseinrichtungen gab es noch private Schulen für Handarbeiten wie die Strick-, Spinn- und Nähschulen. Die Provinzial-Gewerbeschule wurde erst 1831 eingerichtet.

Neben den Schulen und Kirchen gab es weitere wichtige Einrichtungen wie das Land- und Stadtgericht (im Rathaus), das Landratsamt (im Spiegels Hof), das Haupt-Steueramt (Ritterstraße), das Waisenhaus (im Grestschen Hof) und weitere kleinere Behörden wie das Eichungsamt, das Rentamt und das Haupt-Zollamt. Durch diese Vielzahl der Einrichtungen und Schulen wird Bielefelds aufkeimende Bedeutung gegenüber Herford und Minden deutlich.


Zusammengestellt vom Amt für Geoinformation und Kataster der Stadt Bielefeld im Oktober 2005 aus folgenden Quellen: Schubart, H. W., Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Stadt Bielefeld; Druckerei Küster Bielefeld, 1835 Vogelsang, R., Geschichte der Stadt Bielefeld, Band 1: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, Bielefeld 1980 Beaugrand, A. (Hrsg.), Stadtbuch Bielefeld, Westfalen-Verlag, Bielefeld, 1996 Amtsblatt der Königlich Preußischen Regierung zu Minden, Jahrgänge 1822 bis 1827

Kontaktaufnahme: geoinformationundkataser@bielefeld.de